BUCHVORSTELLUNG: Wasteland von Judith C. Vogt & Christian Vogt – Hopepunk zwischen Virus, Ödland und Mad-Max-Feeling
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Eine Frau auf einem Motorrad, ein todkranker Mann mit einem Baby und eine Gang mit einem Schaufelradbagger: Schon die Ausgangslage von Wasteland macht klar, dass Judith C. Vogt und Christian Vogt keine gewöhnliche Endzeitgeschichte erzählen. Deutschland im Jahr 2064 ist nach Kriegen, Umweltzerstörung und dem tödlichen Wasteland-Kampfstoff kaum wiederzuerkennen. Trotzdem geht es in dieser Postapokalypse nicht nur um Gewalt und Überleben. Zwischen marodierenden Gangs, vergifteten Gebieten und zusammengebrochenen Gesellschaftsstrukturen gibt es immer noch Menschen, die an Gemeinschaft, Veränderung und Hoffnung festhalten.
Autor*innen: Judith C. Vogt & Christian Vogt
Reihe: Wasteland – Band 1 von 2
Umfang: 400 Seiten
Verlag: Knaur Taschenbuch
ISBN: 978-3-426-52391-9
Bewertung: 4,3 von 5 Sternen bei 74 Bewertungen
Worum geht es in Wasteland?
Die Welt, wie wir sie kennen, ist Vergangenheit. Drei Kriege und ein biologischer Kampfstoff haben große Teile der Menschheit ausgelöscht. Viele Gebiete sind verseucht, staatliche Strukturen existieren kaum noch und verschiedene Gruppen kämpfen darum, wie das Leben auf den Ruinen der alten Welt aussehen soll.
Mitten in dieser Welt reist Laylay gemeinsam mit ihrem Vater auf einem Motorrad durch die noch bewohnbaren Gebiete. Laylay besitzt eine ungewöhnliche Besonderheit: Sie scheint als einzige Person gegen die tödliche Wasteland-Krankheit immun zu sein.
Als sie dringend Medikamente benötigt, geht sie deshalb einen gefährlichen Handel ein. Sie soll Zeeto aus einer verseuchten Todeszone zurückholen. Für praktisch jeden anderen wäre der Auftrag ein Todesurteil.
Laylay findet Zeeto tatsächlich – allerdings ist er bereits infiziert. Und er ist nicht allein. In einer geheimnisvollen Bunkeranlage hat er ein Baby gefunden, das offenbar ebenfalls nicht an der Verseuchung stirbt. Von diesem Moment an wird aus einer Rettungsmission eine Reise, die Laylays Wissen über ihre eigene Vergangenheit und die Welt um sie herum erschüttert.
Mad Max in Deutschland – aber mit Hoffnung
Motorräder, marodierende Banden, knappe Ressourcen, verseuchte Landschaften und ziemlich improvisierte Gesellschaften: Die Nähe zu klassischen Endzeitwelten wie Mad Max ist kaum zu übersehen. Wasteland nutzt diese vertrauten Bilder jedoch für etwas Eigenes.
Die Autoren interessieren sich nicht nur dafür, wie Menschen nach dem Zusammenbruch überleben. Viel spannender ist die Frage, welche Art von Gesellschaft sie danach aufbauen.
Auf der einen Seite stehen Gruppen wie die Toxxer, bei denen Macht, Hierarchie und das Recht des Stärkeren dominieren. Auf der anderen Seite gibt es die Hopers, die versuchen, Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und alternative Lebensformen aufzubauen.
Damit steckt hinter dem schmutzigen Endzeit-Abenteuer ein überraschend politisches und gesellschaftliches Gedankenexperiment: Wenn die alte Ordnung verschwunden ist – welche Teile davon würden wir wirklich wiederhaben wollen?
Was bedeutet Hopepunk?
Wasteland lässt sich besonders gut als Hopepunk beschreiben. Das bedeutet keineswegs, dass die Welt freundlich oder optimistisch wäre. Im Gegenteil: Sie ist brutal, ungerecht und an vielen Stellen beinahe hoffnungslos.
Hopepunk bedeutet hier vielmehr, sich dieser Hoffnungslosigkeit bewusst entgegenzustellen. Gemeinschaft, Fürsorge, Solidarität und gegenseitige Unterstützung werden zu Formen des Widerstands.
Genau deshalb ist Wasteland gleichzeitig Dystopie und Utopie. Die alte Zivilisation ist weitgehend zerstört, doch zwischen ihren Ruinen entstehen neue Modelle des Zusammenlebens. Nicht jede dieser Ideen funktioniert – aber die Figuren geben die Vorstellung einer besseren Zukunft nicht einfach auf.
Laylay und Zeeto – keine typischen Endzeithelden
Auch bei den Hauptfiguren geht der Roman einen eigenen Weg. Laylay ist zwar körperlich außergewöhnlich, wird aber nicht zur klassischen unbesiegbaren Actionheldin. Hinter ihrer Immunität steckt ein Geheimnis, das eng mit der Handlung verbunden ist.
Zeeto wiederum entspricht ebenfalls kaum dem üblichen Bild eines harten postapokalyptischen Helden. Seine bipolare Neurodivergenz gehört fest zu seiner Figur und wird nicht lediglich als dekoratives Charaktermerkmal verwendet. Seine depressiven und manischen Phasen beeinflussen Wahrnehmung, Entscheidungen und Beziehungen.
Gerade dadurch bekommt die Geschichte eine zusätzliche persönliche Ebene. Zwischen Laylay und Zeeto entwickelt sich zudem eine Romanze, die vorhanden ist, ohne das eigentliche Endzeit-Abenteuer zu verdrängen.
Diversität gehört hier einfach zur Welt
Auffällig ist außerdem die Vielfalt der Figuren und Lebensmodelle. Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe, Neurodivergenz und verschiedene Familienformen sind Teil der Welt, ohne dass daraus ständig ein besonderes Ereignis gemacht wird.
Der Roman verwendet zudem konsequent gendergerechte Sprache und eigene Pronomen für nichtbinäre Figuren. Das kann beim Einstieg ungewohnt wirken, wird von vielen Leserinnen und Lesern jedoch gerade deshalb positiv hervorgehoben, weil es sich mit der Zeit selbstverständlich in die erzählte Welt einfügt.
Auch inhaltlich passt das zum Roman: Eine Gesellschaft, deren alte Ordnung ohnehin zusammengebrochen ist, muss nicht automatisch wieder dieselben gesellschaftlichen Regeln aufbauen.
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Spannung, Suchtfaktor, Anspruch, Tiefe, Emo-Faktor und Härtegrad
Suchtfaktor: 4,5 von 5
Tiefe: 4,5 von 5
Härtegrad: 4 von 5
Spannung: 4,5 von 5 Punkten. Der Einstieg nimmt sich etwas Zeit für Welt und Figuren, doch spätestens mit Laylays Suche nach Zeeto zieht die Handlung deutlich an. Kämpfe, Verfolgungsjagden, Geheimnisse und eine größere Wendung sorgen besonders in der zweiten Hälfte für ordentlich Tempo.
Suchtfaktor: 4,5 von 5 Punkten. Das ungewöhnliche Worldbuilding und die Fragen rund um Laylay, das Baby und die Bunkeranlage halten die Neugier hoch. Mehrere Leser beschreiben gerade die zweite Hälfte als ausgesprochen fesselnd.
Anspruch: 4 von 5 Punkten. Wasteland lässt sich flüssig lesen, verlangt aber etwas Aufmerksamkeit. Verschiedene Gesellschaftsmodelle, ungewohnte Begriffe, gendergerechte Sprache, wechselnde Erzählperspektiven und Themen wie Neurodivergenz geben dem Roman mehr Komplexität als einer reinen Action-Dystopie.
Tiefe: 4,5 von 5 Punkten. Unter der Endzeitgeschichte steckt einiges: Macht und Hierarchie, Solidarität, toxische Männlichkeitsbilder, psychische Gesundheit, Geschlecht, Sexualität, Umweltzerstörung und die Frage, wie Gesellschaft nach einem Zusammenbruch neu gedacht werden könnte.
Emo-Faktor: 4 von 5 Punkten. Besonders Zeetos Erkrankung, seine Beziehung zu Laylay, das gefundene Baby und die persönlichen Geheimnisse der Figuren geben der Geschichte emotionale Wucht. Trotzdem kippt das Buch nicht in melodramatische Dauertragik.
Härtegrad: 4 von 5 Punkten. Wasteland ist deutlich erwachsener als viele klassische Jugenddystopien. Gewalt, Sex, psychische Krisen und eine insgesamt raue Welt gehören zur Geschichte. Die Darstellung ist nicht permanent splatterartig, kann aber durchaus intensiv werden.
Inhaltswarnungen
Die Themen werden nicht permanent maximal drastisch ausgeschlachtet, sorgen aber dafür, dass Wasteland trotz seiner teilweise jungen Hauptfiguren klar erwachsener wirkt als eine weichere Teen-Endzeitgeschichte.
Was sagen Leserinnen und Leser über Wasteland?
Besonders viel Lob bekommt das Worldbuilding. Viele Leser mögen die Mischung aus vertrautem Endzeitgefühl und ungewöhnlichen neuen Gesellschaftsformen. Motorräder und Gangs erinnern zwar bewusst an bekannte Postapokalypse-Klassiker, die Hopers, Toxxer und der Handgebunden-Markt geben der Welt aber eine eigene Identität.
Auch die Figuren kommen gut an. Laylay und Zeeto werden als eigenständig, sympathisch und vielschichtig beschrieben. Besonders positiv hervorgehoben wird immer wieder die Darstellung von Zeetos bipolarer Neurodivergenz.
Viele Leser schätzen außerdem den Sarkasmus und Humor. Selbst in sehr dunklen Situationen verliert die Geschichte ihre Hoffnungsschimmer nicht völlig.
Einzelne Stimmen sehen manche Teile des Worldbuildings kritischer. Fragen nach langfristiger Versorgung mit Benzin, Medikamenten oder anderen Ressourcen bleiben teilweise offen. Auch die bewusst ungewöhnliche Sprache dürfte nicht jeden Geschmack treffen. Insgesamt überwiegt in den vorliegenden Rezensionen aber deutlich die Begeisterung für Figuren, Welt und Themen.
Für wen ist Wasteland geeignet?
Wasteland ist besonders interessant für Leserinnen und Leser, die Postapokalypse, Dystopien und Endzeitromane mögen, aber etwas anderes als den klassischen Einzelkämpfer suchen.
Wer Mad Max-Atmosphäre, kaputte Landschaften, Gangs, Motorräder und wilde Verfolgungen mag, bekommt davon reichlich. Gleichzeitig sollte man offen für einen Roman sein, der sich intensiv mit gesellschaftlichen Fragen, Diversität und alternativen Lebensformen beschäftigt.
Auch Fans von Hopepunk dürften hier richtig liegen. Wer dagegen ausschließlich kompromisslose Survival-Action ohne gesellschaftliche oder politische Untertöne sucht, wird wahrscheinlich nicht alle Aspekte gleichermaßen mögen.
Die Wasteland-Dilogie
Umfang: 2 Romane
Auftakt: Wasteland
Band 2: Laylayland
Handlung: fortlaufend
Schwerpunkt: Gesellschaft, Survival, Hoffnung
Lesetipp: chronologisch lesen
Wasteland bildet den Auftakt einer zweiteiligen Geschichte. Die Handlung wird in Laylayland fortgesetzt, das 2022 erschien. Wer nach dem ersten Roman wissen möchte, wie es mit Laylay, Zeeto und ihrer Suche nach Hoffnung in dieser zerstörten Welt weitergeht, bekommt also einen vollständigen zweiten Band.
Wasteland Bücher in der richtigen Reihenfolge
- Wasteland – 2019
- Laylayland – 2022
Wer sind Judith C. Vogt und Christian Vogt?
Wohnort: Aachen
Schreiben: Fantasy & Science-Fiction
Christian: promovierter Physiker & Autor
Auszeichnung: Deutscher Phantastik Preis
Wasteland: SERAPH-Shortlist 2020
Judith C. Vogt und Christian Vogt schreiben sowohl gemeinsam als auch in eigenen Projekten Phantastik. Judith absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Buchhändlerin und arbeitet heute unter anderem als Autorin, Übersetzerin und Lektorin. Christian ist promovierter Physiker und verbindet besonders in Science-Fiction-Projekten seine Begeisterung für Naturwissenschaft und Erzählwelten.
Die beiden teilen nach eigener Beschreibung ihre Leidenschaft für die drei großen F: Fantastik, Fechten und Feminismus. Diese Mischung passt auch gut zu Wasteland, denn neben Action und Science-Fiction spielen gesellschaftliche Fragen und alternative Perspektiven eine große Rolle.
Für ihren gemeinsamen Steampunk-Roman Die zerbrochene Puppe erhielten Judith und Christian Vogt den Deutschen Phantastik Preis. Wasteland schaffte es 2020 auf die Shortlist des Phantastik-Literaturpreises SERAPH.
Fazit: Lohnt sich Wasteland?
Ja – besonders dann, wenn eine Postapokalypse für dich mehr sein darf als Gangs, Waffen und zerstörte Städte. Wasteland liefert zwar Motorradfahrten, Kämpfe, verseuchte Landschaften und reichlich Endzeitgefühl, interessiert sich aber mindestens genauso sehr für die Menschen, die aus den Ruinen etwas Neues bauen wollen.
Gerade die Mischung aus dreckigem Mad-Max-Setting und Hopepunk macht den Roman ungewöhnlich. Die Welt kann brutal sein, ohne dass Zynismus automatisch die einzige Antwort darauf wird. Laylay und Zeeto sind interessante, verletzliche Figuren, und die gesellschaftlichen Ideen geben der Handlung deutlich mehr Tiefgang als einer einfachen Survival-Geschichte.
Unsere Leseempfehlung: Wer erwachsene Postapokalypse mit Action, Diversität, ungewöhnlichem Worldbuilding, gesellschaftlichen Fragen und einem hartnäckigen Funken Hoffnung mag, sollte Wasteland ausprobieren. Der Roman ist stellenweise rau und thematisch durchaus anspruchsvoll – aber genau dadurch hebt er sich angenehm von vielen austauschbaren Endzeitgeschichten ab.
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